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Lang, lang ist’s her

Ach ja? Werbung aus den 1950er und 1960er Jahren wirkt auf uns heute ironisch oder unfreiwillig komisch. Doch die Realität dahinter war es ganz und gar nicht: Aus heutiger Sicht ist kaum mehr vorstellbar, dass Frauen ohne ihren Ehemann kein eigenes Konto eröffnen konnten und noch in den siebziger Jahren ihren Mann fragen mussten, wenn sie arbeiten gehen wollten. Eine Frau ohne Mann war quasi nichts. Eine Frau mit Kind und ohne Mann – eine Katastrophe!

Was das mit der Herkunftsberatung zu tun hat? Viele unserer Klienten stammen aus Verbindungen aus den fünfziger und sechziger Jahren. Genauer gesagt, aus Verbindungen, die nicht lange hielten, aber nachhaltige Auswirkungen hatten.

Mangelnde sexuelle Aufklärung

Bis zur „sexuellen Befreiung“ Mitte/Ende der 60er Jahre galt das Verständnis „kein Sex vor der Ehe“. Die Menschen waren sexuell teilweise nicht aufgeklärt. Sie wussten nicht, dass sie ein Kind zeugen konnten, wenn sie miteinander schliefen. Und selbst wenn: Die Pille wurde zwar in den 60er Jahren erstmals zugelassen, doch sie war stark umstritten und wurde zunächst nur verheirateten Frauen verschrieben.

Manch eine ledige Frau, die schwanger wurde, ging selbstverständlich davon aus, dass der Mann, mit dem sie intim geworden war, sie auch heiraten würde. Doch nicht immer war die Liaison mit ernsthaften Absichten verbunden. In ihrer Not versuchten die Frauen stattdessen, möglichst schnell einen anderen Ehemann zu finden. (Aus diesen Konstellationen kommen unsere meisten Vätersuchen).

Alleinerziehend? Keine Option.

Denn Kinder alleine zu erziehen war schlichtweg unmöglich.

Zum einen standen Frauen finanziell nicht auf eigenen Beinen: Oft fehlte ihnen eine gute Berufsausbildung, der Arbeitsmarkt war ganz auf männliche Arbeitnehmer ausgerichtet, Kinderbetreuung gab es kaum.

Zum anderen wurden die jungen Mütter erst mit 21 Jahren volljährig. So trafen nicht sie, sondern ihre Eltern Entscheidungen über den Verbleib des Kindes.

Ein üblicher Ausweg: Das Kind wurde weit weg von zu Hause ausgetragen und entbunden und dann zur Adoption freigegeben. Die Nachbarn und Bekannten bekamen nichts davon mit, und der gute Ruf der Familie konnte gewahrt bleiben. Den abgebenden Müttern wurde gesagt, sie würden nie wieder von ihrem Kind etwas hören oder sehen, und so versuchten viele von ihnen, das Erlebnis zu verdrängen und zu vergessen und sich ein neues Leben aufzubauen.

Für uns als Herkunftsberatung ist diese Zeit nicht sehr weit weg. Die Kinder von damals sind heute in dem Alter, in dem sie nach ihren Müttern forschen. Wenn wir mit den Frauen in Verbindung treten, die ihr Leben lang verschwiegen haben, dass sie ein Kind zur Adoption freigeben mussten, ist diese Vergangenheit ganz und gar im Hier und Jetzt.

Der internationale Frauentag ist eine wunderbare Gelegenheit, all diesen Frauen unseren Respekt und unser Mitgefühl auszudrücken!

 

Damals durchaus ernstgemeint: Das Frauenbild der 1950er Jahre im Spiegel der Werbung, zu sehen in einer Bildergalerie der Website www.wirtschaftswundermuseum.de.

 

Bildnachweis: retro-1291738 @ArtsyBee, CC0, pixabay.com

Lang, lang ist’s her
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