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„Mischpoche“: vom künstlerischen Umgang mit Familiengeschichte

Was kommt heraus, wenn ein Fotograf sich mit künstlerischen Mitteln mit seiner Familiengeschichte auseinandersetzt? Wenn Sie in Berlin leben oder in nächster Zeit einen Besuch in der Hauptstadt planen, können Sie es herausfinden. Dort ist die Ausstellung „Mischpoche“ von Andreas Mühe bis August 2019 im Hamburger Bahnhof, dem Museum für Gegenwart, zu sehen.

Andreas Mühe ist international anerkannter Fotograf, Ende 30 und Sohn des Schauspielers Ulrich Mühe und der Regisseurin und Dramaturgin Annegret Hahn. Für die Ausstellung inszenierte er seine Familie in Gruppenbildern, kombiniert aus lebensechten Silikonfiguren verstorbener Familienmitglieder und lebenden Verwandten.

Das lässt unwillkürlich an Familienaufstellungen denken, zumindest wenn man wie wir mit Biographiearbeit und systemischer Therapie vertraut ist. (Allerdings gefällt Mühe selbst dieser Begriff  nicht, wie im Deutschlandfunk zu hören ist – siehe Podcast-Tipp am Ende dieses Artikels.)

Die Bilder, die wir in den Medien gesehen haben, wirken surreal und geheimnisvoll. Verstärkt wird der Eindruck dadurch, dass die dargestellten Personen alle etwa gleichalt sind, nämlich im Alter von Andreas Mühe. Im Gespräch mit dem SPIEGEL sagt er dazu: „Sie (i.e. diese Fotos) erzählen von mir, Andreas Mühe. Die ganzen Puppen sind die Verwandten, die zu mir zurückkommen, meine Großväter, meine eine Großmutter, mein Vater, seine beiden letzten Frauen. Sie kommen zu mir in einem Alter, das meinem jetzigen enstpricht.“

Und weiter:

„Oft sind Bilder sogar die einzigen Zeugnisse von Familien, die überdauern. Und plötzlich fragt man sich, wo ist man, was ist man in der eigenen Familie? Mit Anfang zwanzig rennt man vor ihr weg, schon vor dem Gedanken an sie. (…) Später erkennt man, dass eine Familie etwas Schönes sein kann, dass sie aber anstrengend bleibt. Sie ist nicht verhandelbar.“ (SPIEGEL Nr. 15/06.04.2019, S. 110 f., siehe unten)

„Familie ist nicht verhandelbar“ ist indes leicht gesagt. Wir von der Herkunftsberatung denken, dass sie in gewisser Weise sehr wohl verhandelbar ist, zumindest der eigene Standpunkt zu den Mitgliedern und die Gefühle, die mit der Familie verbunden sind. Im Systemischen Institut in Karlsruhe hängt ein Schild: „Es ist nie zu spät für eine tolle Kindheit!“ Andreas Mühe hat seinen ganz eigenen künstlerischen Weg der Biographiearbeit gefunden. Wir bieten andere Mittel und Wege an, sich die eigene Kindheit neu zu erschließen. Es kann ein langer Prozess sein. Aber er macht auf jeden Fall Sinn.

Mehr über die Ausstellung „Mischpoche“ von Andreas Mühe:

Ausstellung: „Mischpoche“, zu sehen bis 11.08.2019 im Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, Invalidenstr. 50-51 in 10557 Berlin. https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/andreas-muehe.html

Für alle, die nicht nach Berlin fahren können, sind die folgenden Beiträge über die Ausstellung sicher trotzdem lesens- und hörenswert:

Deutschlandfunk Kultur: Podcast „Andreas Mühe lässt Tote wieder leben“ von Simone Reber, 25.04.2019

SPIEGEL: Interview „Die Verwirrung auf eine andere Ebene heben“ von Ulrike Knöfel, SPIEGEL Nr. 15/06.04.2019, S. 110 f. Die Online-Version ist exklusiv für SPIEGEL+-Abonnenten (1 Monat Gratiszugang möglich). Andreas Mühe spricht in diesem Interview über seine persönliche Biografie in einer Patchwork-Familie, über die Selbstdarstellung von Familienclans, den Begriff Heimat und die jüngere Geschichte Deutschlands.

 

Bildnachweis: Andreas Mühe, Mühe I, 2016 – 2019 aus der Serie: Mischpoche © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

„Mischpoche“: vom künstlerischen Umgang mit Familiengeschichte
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