Der Blog rund um die Wurzelsuche

3 Gänsehaut-Momente einer Herkunftsberaterin

„Wie ist sie denn so, die Arbeit als Herkunftsberaterin?“ Diese Frage höre ich oft, seit ich vor zwei Jahren begonnen habe, aktiv in der Herkunftsberatung mitzuarbeiten. (Kennen tue ich Susanne Panter und ihr Unternehmen schon länger.)

Für viele ist das Thema Wurzelsuche eben „fremdes Terrain“. Manche vermissen bei mir kariertes Cape, Pfeife und Lupe. Andere haben das Bild einer betagten Dame im Kopf, der vor laufender Kamera („Uuuuund Action!“) wildfremde junge Leute, ihre Kinder, in die Arme geschubst werden.  Aus solchen Klischees ergeben sich durchaus interessante Gespräche.

Fakt ist, dass wir auf der einen Seite viel mit bürokratischen Strukturen und rechtlichen Vorgaben zu tun haben, wenn wir bei Ämtern und Behörden recherchieren. Auf der anderen Seite ist unsere Tätigkeit auch eine hoch emotionale Sache – für die Suchenden, die Gefundenen und ja, auch für uns Profis. Wir wollen unseren KlientInnen helfen, die großen offenen Fragen ihres Lebens zu beantworten. Und es gibt, bei aller gebotenen professionellen Distanz, auch Gänsehaut-Momente in der Herkunftsberatung. Drei davon, die ich so schnell nicht vergessen werde, möchte ich heute schildern.

Gänsehaut-Moment Nr. 1: Gefunden!

Ich hatte meine Arbeit bei der Herkunftsberatung gerade erst wenige Wochen zuvor aufgenommen, da klingelte das Telefon. Am Apparat war „meine“ allererste gefundene Mutter! Zum ersten Mal hatte sich für mich ein mit Schreibmaschine getippter Name auf einer Urkundenkopie in eine lebendige Stimme verwandelt. Ich muss gestehen, meine Gesprächspartnerin war deutlich weniger aufgeregt als ich. Sie hatte im wahrsten Sinne des Wortes ein bewegtes Leben geführt, im Ausland und sogar auf hoher See. Sie war überrascht und glücklich, dass sie ausgerechnet jetzt von ihrem Sohn gesucht wurde, da sie erst seit kurzer Zeit wieder eine Adresse in Deutschland hatte.

Gänsehaut-MomentNr. 2: Versteckte Botschaften

Da lag sie in meiner Hand und löste ein leicht beklemmendes Gefühl aus: die Stasiakte eines gesuchten Vaters, der einst bei einem Fluchtversuch aus der DDR gefasst worden war. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, wie das handschriftliche Geständnis zustande gekommen war … Bei der ersten Sichtung der dicken Akte ergaben sich keine Hinweise, die uns weitergebracht hätten. Erst als ich mich zwei Tage später durchrang, das Geständnis zum zweiten Mal durchzulesen, entdeckte ich einen Namen, der aus Versehen nicht geschwärzt war. Eine neue Spur hatte sich aufgetan.

Gänsehaut-Moment Nr. 3: Vertauschte Rollen

Meine Klientin war eine ältere Dame, die ihren Cousin suchte. Viel mehr als verschwommene Kindheitserinnerungen hatte sie nicht. Ihr Cousin trug einen Allerweltsnamen à la Hans Müller, und sie hatte ihn zuletzt bei seiner Konfirmation in den 1950er Jahren gesehen. Würden diese Informationen genügen, um ihn zu finden?

Nach mehreren Versuchen gelang es mir, den Pfarrer des Ortes ans Telefon zu bekommen. Die Kirchen haben sorgfältig gepflegte Archive, aber auch strenge Datenschutzvorschriften. Nun, ich würde dem Pfarrer schon ein paar Informationen entlocken.

„Hans Müller? Sind Sie sicher? Und von wem haben Sie diesen Namen? Hm …“ Das war der Moment, in dem das Gespräch eine unerwartete Wendung nahm. Plötzlich war ich diejenige, die ausgefragt wurde. Nein, es gebe keinen Hans Müller unter den Konfirmierten des angegebenen Jahrgangs, und auch keinen in den Jahren unmittelbar davor und danach. Nein, die wenigen Namen der anderen Familienmitglieder, die ich von der Klientin hatte, sagten dem Pfarrer nichts. Trotzdem beendete er das Gespräch nicht, sondern bohrte weiter. Warum nur? Gab es etwa doch eine Spur? Wieso verhielt er sich so merkwürdig, ablehnend und interessiert zugleich? Mit einem Mal kam ich mir vor wie in einem Verhör. Jetzt nur keine Fehler machen …

Die Auflösung kam eine Woche später: Der Cousin war tatsächlich der Nachbar des Pfarrers und seit seiner Jugend in der Kirchengemeinde aktiv. Trotz aller Ungenauigkeiten hatte ich es geschafft, den Pfarrer davon zu überzeugen, dass mein Anliegen echt und berechtigt war. Er bot sich als Vermittler an und gab unsere Kontaktdaten an Johann Müller* weiter. Eine Woche später hatten Cousine und Cousin einander wiedergefunden.

 

Kennen Sie solche Momente auch, in denen Ihre berufliche Tätigkeit mehr ist als „nur“ ein Job? Oder hatten Sie vielleicht schon einmal ähnliche Erlebnisse bei Ihrer eigenen Suche nach Mutter, Vater oder anderen Verwandten? Erzählen Sie sie uns!

 

*Was Hans/Johann Müller betrifft: Wie immer, wenn wir Geschichten unserer KlientInnen erzählen, ist auch dies kein echter Name. Aber  man darf sich den Namen des Cousins ganz ähnlich vorstellen.

 

Bildnachweis: western-style 2312246 @shell_ghostcage, CC0, pixabay.com

 

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